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Die Wahl zur schönsten Frau der PMR

Posted in Transnistrien Reise Blog von admin am 27. Apr. 2005

Kramar und ich nehmen als einzige westeuropäische Beobachter an unseren ersten Wahlen in der PMR teil. Gewählt wird die Miss Pridniestrowien 2005. Im Palasttheater sind alle ähm 500 bis 1000 Plätze ausverkauft. Es gibt hier nicht unbedingt ein Überangebot an kulturellen Veranstaltungen, daher ist dies eine bedeutende Familienfestivität. Kinder tummeln sich in der geschmückten Halle zwischen beanzugten Vätern und Müttern die hergerichtet sind, als würden sie auf der Bühne auftreten. Die Klingel ertönt, alle Tiraspoler die sich den teuren Eintritt, zwischen 1,50 und 2,50 Euro kostet das Ticket, leisten können, strömen in den Saal. Es wird ein Pop-Tanz-Event in dem die 15 vorausgewählten Schönheiten als tanzende Hauptdarstellerinnen teilnehmen. Sie tragen grosse, runde Nummerntafeln am Handgelenk. In einem kleinen Katalog kann man Name, Herkunft und Masse nachlesen. Mein Geheimtipp ist die Nr. 5, Aljina aus Tiraspol. Doch nach nur zwei Minuten auf der Bühne in Volkstracht zu pop-dudel-musik tanzend ist klar, dass sie keine Chance hat. Zu wenig Esprit. Szenenapplaus: die Mädels formen eine Pridniestrowsche Fahne in rot-grün-rot. Es geht hier auch um einen Akt der nationalen Identitätsfindung. Inszeniert wie ein Songcontest und sicher nicht schlechter.

Es werden 20 wichtige Persönlichkeiten vorgestellt, alles wirkt, als wäre dies ein echtes Land. Doch wirkt es auf mich ein bisschen wie eine Operette.

Die erste Aufgabe: 60 Sekunden russisch quatschen, ohne dabei über die vielen Konsonanten zu stolpern. Nr. 1 ist ein Wasserfall. Nr.2s Stimme bringt Gläser zum Zerspringen. Während das ausgewählte Mädchen vom Weltfrieden faselt, wippen die anderen sexy zum Beat der Hintergrundmusik als seien sie als Animierdamen verkleidete Aerobictrainerinnen. Nr.4, Olga aus Tiraspol räumt Applaus ab. Meine Nr. 5 ist spröde, und klingt gelangweilt. Das Publikum ebenso. Anchelika, Nr. 6 hat hingerissen, bis zum verhängnissvollen Moment, in dem sie ihren Mund öffnete. Großer Fehler. Hier trennt sich die Spreu vom weizen. Nach dieser Runde gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: die 4 oder die 11 (aus Bendery). Wo ist das nächste Wettbüro? Die Frage des Abends: steht Pridniestrowien auf Blond?

Dann etwas Aerobic zu Technomusik. Meine 5 ist Holz, die Nummer 12 stolpert und ist damit weg vom Fenster. Nr. 4 hält sich gut, sie wirds. Den ganzen Abend über gibt es keinen stillen Moment, die Musik plärrt ewig laut, hier wird Stimmung gepowert. Das Publikum braucht zwei Stunden, um halbwegs für ein paar Minuten in Fahrt zu kommen. Oder ist das einfach nur russisch?

Pause. Das Publikum darf wählen. Aber wie frei werden die Wahlen sein? Wird die OSCE beobachten? Die Zuschauer debattieren, wählen, äußern ihre Meinung. Meinungsfreiheit in der PMR. Doch wie in der realen Politik dieses Landes sind die Wahlen von begrenzter Reichweite. Die besten 8 Mädchen kommen ins Finale, in dem eine vielköpfigte Jury das letzte Wort hat.

Jetzt ist das Publikum hingerissen. Die letzten 8 kommen in Hochzeitskleidern auf die Bühne. Die Musik ist sphärisch, bedeutend, es regnet künstlicher Schnee und es wabert Trockeneis. Die Bräute der Nation. Ihre Freunde sind in dem Alter, wo sie zum Militär müssen. In eine Armee, die im Gegensatz zur unseren ganz auf Krieg trainiert. Max, ein Freund Andreys verbrachte 20 Tage im harten Militärgefängnis, weil seine Kompanie den Diebstahl von Raketen nicht verhindern konnte. Dafür werden von diesen jungen Männen Bräute die Schönste erwählt. Die Vorführungen sind zu Ende, die Jury zieht sich zurück. Wer wird Miss Pridnestrowien 2005?

Es dauert eine weitere Stunde oder 10 mehr oder weniger begeistert aufgenommener musikalischer Darbietungen. Die Wahl ist sichtlich so komplex wie das letzte Konklave in Rom. Aber dann, nach fast 4 Stunden steht es fest. 7 der 15 Mädchen erhalten eine Plakette als Auszeichnung, jedes ein Sackerl mit einem Haartrockner. Ein paar Blumen werden verteilt. Miss Sympathie erhält einen Grill, Miss Extravaganz einen Fernseher, Miss Sanftmut einen PC. Irgendwann hat fast jedes Mädel irgendwas in Händen,

Die Bühne gleicht einer Verkaufsshow im Privatfernsehen. Aber jetzt, der Große Moment, alle haben wir gewartet, das Publikum bebt, ich kreische mit dem Rest der Meute, es wird, es wird, es wird die nr. 11 aus Bendery. Eine rotblonde mit Dauerwelle. Zustimmung bei der breiten Masse. Jubel, Silberkonfettiregen, Umarmungen, Siegesmusik, Martin der auf der Bühne die Szenen der Freude und des Schmerzes fotografiert. Und dann der Gewinn, langsam fährt ein kleiner, neuer, roter Fiat auf die Bühne. Der Hauptgewinn ist ein Auto! Die Siegerin ist geschockt! Vermutlich ist sie noch zu jung für einen Führerschein. Noch Minuten später spürt man die Aufregung im Auditorium. Parlamentswahlen uninteressant. Es sind die wirklich wichtigen Entscheidungen, die zählen. Jene der Miss Pridniestrowien 2005 zum Beispiel. Gute Nacht.

von Marcell Nimführ für Fischka.com

Ausländer, Alkohol und Lenin

Posted in Transnistrien Reise Blog von admin am 23. Apr. 2005

Lenins Geburtstag versäumt. Während die Pioniere auf der Hauptplatz marschieren, sitze ich grad am Klo. Das passiert mir öfters. Kramar ist zwar rechtzeitig unten und fotografiert, bricht es aber nach einigen Minuten ab, weil Andrey wartet, damit wir die Akkreditierung angehen können.

 Dafür gab es am Abend eine pridnestrowsche Miniparty bei Sascha, einem 20jährigen Studenten, der in der Schule mal deutsch gelernt hat. Wie so viele hier. Ort der Feier: sein Wohnzimmer, zwei bunte bequeme Sofas, ein Schwarzweiss-Fernseher mit MTV Russland, ein Tisch und eine bunte 70er Jahre Tapete. Wir bringen Vodka mit. Schnell sind wir im Schlagabtausch der Wortwitzelei mit Andrey als Übersetzer. Andrey sagt, dass man sich in Österreich beim Prosten in die Augen sieht. Grusha (der Spitzname bedeutet Birne), mit kurzgeschorenem Haar und hohem Wangenknochen meint: Bei uns schaut man sich nur beim Ficken in die Augen. Darauf frage ich: und was macht man beim von-hinten-ficken? Nach einigem Nachdenken antwortet er: man nimmt einen Spiegel. Schlusssatz im Vodkadusel: der Mann hat Erfahrung.

 Tanja ist aufgeregt, sodass sich ihre Stimme überschlägt. Sie meint, dass sie noch nie mit einem Ausländer gesprochen hat und dass es für ein Mädchen wie sie nicht zu erwarten gewesen wäre, jemals welche zu treffen.

 Es wird ein Vodka nach dem anderen ausgeschenkt. Trinken ist hier entsprechend dem Klischeebild fast Selbstzweck. Und dazu noch ein Mittel zur Rollentrennung. Die Jungs sind trinkfest und demonstrieren Männlichkeit. Den Mädchen wird übel.

 Tanja fragt, ob die Mädchen in Pridniestrowien hübscher sind als jene in Österreich. In bin diplomatisch und antworte, dass viele Frauen in der PMR hübscher sind als viele bei uns. Darauf meint sie, sie sei überzeugt, dass die transnistrischen Mädchen zumindest angenehmer sein. Ich antworte, dass könnte ich erst nach der Sache mit dem Spiegel bestätigen.

 Am Ende eines solchen Abends weiss man nichts von den Menschen mit denen man gefeiert hat, aber erhält eine durch den Vodka geschlossene Freundschaft. Wer hier zusammen trinkt wird zu Freunden.

 

von Marcell Nimführ für Fischka.com