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Proteste in Moldawien: EU-Beitritt statt „Russifzierung“

Posted in Artikel der Region, Moldau, Transnistrien Artikel von admin am 15. Nov. 2006

Friedliche Massenkundgebung in Moldawien: Die Demonstranten möchten mit einem rumänischen Moldawien, aber ohne die regierenden Kommunisten in die EU.
Von Kramar und Marcell Nimführ. Publiziert in Junge Welt, Februar 2002

Das Leben des 18jährigen Vitalie geht nicht mehr seinen gewohnten Gang. Er sollte sich auf das anstehende Abitur vorbereiten, war aber vor zwei Wochen zum letzten Mal in der Schule. Demonstrieren sei jetzt wichtiger als zu lernen. Vitalie ist Schüler eines deutsch-rumänischen Lyzeums in einem Außenbezirk der Hauptstadt Chisinau. Die Schule hat sich wie viele andere den Protesten gegen die Regierung angeschlossen. Natalie Timofei, die Direktorin hat es Schülern ab der zehnten Klasse und den Lehrern freigestellt, die Demonstrationen zu besuchen. Jeden Tag marschieren sie nun den vier Kilometer langen Weg ins Zentrum und werden von vorbeibrausenden Ladas und Wolgas enthusiastisch angehupt. Einige Lehrer begleiten die Schüler, als wäre es ein Schulausflug.

 

Auslöser der Proteste war die Einführung von Gesetzen, die von der Opposition als Auftakt einer „Re-Russifzierung“ des mehrheitlich von Rumänen bewohnten Landes bezeichnet wurden. Aufgrund dieser Gesetze soll Russisch in der Grundschule ab der zweiten Klasse verpflichtend gelehrt werden. Die rumänische Geschichtsunterricht wird zum moldawischen gemacht. Was das bedeutet, erklärt Vitalies Mitschüler Andrej: „Ich mache nächstes Schuljahr mein Examen und muss dafür eine andere Geschichte lernen.“ Er braucht neue Bücher. Seine Mutter verdient als Lehrerin monatlich 300 Lei (26 Euro) und kann sich 30 Lei (2,6 Euro) für ein Schulbuch schwer leisten.

Die Proteste erhalten ständig Zulauf. Vergangenes Wochenende protestierten schon 15.000 rumänische Moldawier auf dem „Platz der großen Nationalversammlung“ vor dem Regierungsgebäude. Die Demonstranten riefen lauthals „Nieder mit dem Kommunismus“ und verlangten den Rücktritt der kommunistischen Regierung. Die Kundgebungen werden seit Anfang Januar von der oppositionellen Christlich-Demokratische Volkspartei (PPCD) organisiert. Kurz nach den ersten Demonstrationen wurde die Partei, die mit weniger als 10% der Wählerstimmen am rechten Rand zu finden ist, vorübergehend aus dem Parlament ausgeschlossen. Die Immunität ihrer Führung wurde aufgehoben und einige Mitglieder wegen sezessionistischer Tendenzen angeklagt. Dies brachte noch mehr Menschen auf die Strasse.

Die Demonstranten sind überwiegend Schüler aller Alterstufen, Studenten und ältere Personen. Sie unterstützen den nationalistischen Kurs der PPCD. Rumänische Fahnen werden neben moldawischen geschwenkt. Alt-Nationalisten zeigen Landkarten von Großrumänien. Als Symbol der Einheit formen sie mit den Fingern das Victoryzeichen. „Wir sind Rumänen“ Auf keinen Fall will die Jugend in gefälschter Nike-, Tommy-Hilfiger- und Pierre-Cardin-Mode zurück in Richtung Moskau.

Mann der Stunde ist Iurie Rosca, Präsident der Christdemokraten. Bis vor kurzen war Rosca in der moldawischen Öffentlichkeit kaum bekannt. Mittlerweile kennt ihn jedes Kind. „Wir wollen friedlich demonstrieren“ betont der 40jährige ehemalige Journalist, gibt aber zu, dass es notwendig sei, die Kommunisten in Panik zu versetzen. „Sie sollen zittern“. Es wird keine gewalttätigen Ausschreitungen geben, versichert Rosca: „Ich kontrolliere die Menschen auf der Strasse.“ Die Regierung ignorierte bisher die nichtgenehmigten Proteste und überprüft.nun deren Rechtmäßigkeit. Mit einer Entscheidung und möglichen Konsequenzen gegen die Demonstrationen ist Ende der Woche zu rechnen.

Den Christdemokraten kommt die Motivation der Jugend durchaus gelegen. In Flugblättern und Brandreden wird Stimmung erzeugt und Ideologie weitergegeben. So ist Vitalie, der seit zwei Jahren Mitglied der Partei ist, überzeugt: „Ich bin Nationalist und gehe auf die Straße weil der russische Imperialismus hier sehr stark ist.“ Rosca spricht von einer Revolution der neuen Generation und gibt den Weg vor: „Wir können die Kommunisten nur über die Massen auf der Strasse besiegen. Wir werden mit den Demonstrationen fortsetzen, bis wir es geschafft haben. Dies ist erst der Anfang.“

Von Marcell Nimführ und Kramar für Kollektiv Fischka

 

Hier spricht Radio PMR: Nachrichten aus Transnistrien: Proteste in Moldawien.

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