logo

Theo Mayr schnitzt an einer Zukunft in Moldawien

Posted in Artikel der Region, Moldau von admin am 14. Nov. 2007

Der 38-jährige Tischler aus Windischgarsten ist Österreichs einziger Kleinunternehmer im ärmsten Land Europas.

Von Andreas Tröscher, Journalist der APA

Zwei Kettenhunde bellen hysterisch vor einer desolaten Lagerhalle am Stadtrand von Chisinau. Vom Regen aufgeweichter Unrat stapelt sich rund um schlammgefüllte Schlaglöcher der Zufahrtsstraße. Gefährlich rostige Rohre werden von gefährlich rostigen Eisenverstrebungen gestützt. An einer der brüchigen Mauern hängt das orangefarbene Firmenschild einer Tischlerei. Darunter steht ein Hüne im Anzug und ringt sich ein Lächeln ab. Es ist Theo Mayr aus Windischgarsten.

Österreichs einziger Kleinunternehmer in der Republik Moldova lebt seit vier Jahren in der Hauptstadt Chisinau. Begeisterung, Leidenschaft, Lebenstraum? Mayr winkt ab. “Ach geh, wo denn.” Vielleicht war ja die Liebe Schuld. Seine Ehefrau hat der 38-Jährige während einer Flugverspätung am Airport von Chisinau kennen gelernt. Doch keine Rede von der Wunschdestination Moldawien. Aber weglaufen sei eben nicht sein Stil, betont der Sturschädel, scheucht die Hunde beiseite und öffnet die Tür zu seinem Büro.

Freundlich begrüßt Mayr seine bildhübsche Mitarbeiterin, gleich daneben - und mindestens ebenso schön anzusehen - eine riesige Holzkerze. Hölzerne Tropfen rinnen an ihr herab. Im Bauch versteckt sich eine beleuchtete Bar. Gut gefüllt - wie Mayr’s Auftragsbücher. Er zeigt Fotos von kunstvoll gestalteten Haustoren, Fußböden, Stiegenhäusern, Einrichtungen.

Leistung und Preis sind österreichisch, die moldawische Kundschaft hat das nötige Kleingeld. Trotzdem ist der begnadete Handwerker stinksauer. Der Vermieter will ihm kündigen. Ohne Angabe von Gründen. Obwohl Mayr stets pünktlich Miete zahlte.

Doch der Mann mit dem wahrscheinlich brutalsten Händedruck zwischen Dnjestr und Prut ist geübt im Bewältigen von Problemen. Drei Häuser in Deutschland, Erfolg, Wohlstand - dann der schwere Rückschlag. Mayr wurde um eine große Summe Geld gebracht. Und kehrte bitter enttäuscht dem deutschsprachigen Raum den Rücken. Moldawien war purer Zufall. Eine Möbelmesse, ein paar Kunden, eine Gelegenheit. Aber verdient hat er anfangs nur durch den Verkauf gebrauchter importierter Tischlereimaschinen.

Noch eine Tür geht auf. In zwei feuchten, düsteren Werkshallen arbeiten rund 20 Mann. Allesamt gut ausgebildet, vom Chef persönlich. “Wir bezahlen zwar überdurchschnittlich gut, aber wer ausgelernt ist und sein Handwerk beherrscht, verlässt das Land.” Die Ausstattung der öffentlichen Berufsschulen sei “quasi inexistent”. Kein Budget, kein Know-how, keine Infrastruktur, keine Perspektive. Einzige Chance: Auswandern.

Mayr’s Alltag in Chisinau: Behördliche Schikanen, unzulängliche Arbeitsbedingungen. “Hier herrschen Zustände, wie sie vor 50 Jahren in Österreich nicht geherrscht haben.” Da war zum Beispiel dieser Einbruch, erinnert sich Mayr. Die Polizisten hat er mit seinem Auto zum Tatort geführt und wieder zurück aufs Wachzimmer. Den Tätern hat der Kraftlackel schließlich selbst das Handwerk gelegt.

“Ich sehe keinen Fortschritt in Moldawien. Aber wir lassen uns davon nicht mehr aufhalten.” Mayr wagt den nächsten Schritt: Eine Berufsschule - gemeinsam mit dem “Hilfswerk Austria”. “Wir haben unsere Maschinen ständig erneuert und sind für hiesige Verhältnisse auf einem einmaligen Niveau. Und Ausbildung mache ich ohnehin schon seit Jahren.”

Nach einem kleinen Schreiduell mit einem selbst ernannten Torwächter, der den bulligen Österreicher mit seinem alten Opel-Kombi partout nicht passieren lassen will, geht es über holprige Pfade zurück nach Chisinau. In einem engen Raum im 13. Stock eines kommunistischen Betonklotzes im Zentrum der Stadt nimmt Mayr auf dem Rücken einer unbekleideten Dame Platz und stellt sein Teehäferl auf einer Glasplatte ab, die von einer riesigen Kobra gehalten wird.

Das Material für seine gefragten Kunstwerke lässt der Meister aus Österreich kommen. “Die Forstwirtschaft in Moldawien funktioniert nicht, deshalb gibt es im ganzen Land kaum trockenes Holz.” An der Wand hängt ein Zeitungsausschnitt. Als 17-Jähriger erhielt Mayr einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde. Für einen Turm aus 80.000 Streichhölzern. Das erfordert Geduld und Durchhaltevermögen. Beides wichtige Voraussetzungen für Moldawien.

Digitaler Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

Kommentar hinterlassen:

Du must angemeldet sein um einen Kommentar zu schreiben.