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Cricova - Moldawiens geheimnisvolle Unterwelt

Posted in Artikel der Region, Moldau von admin am 5. Dez. 2007

von Andreas Tröscher, Journalist der APA.

Auf Cricova kann man sich nicht vorbereiten. Ein Weinkeller, den an mit Lkw befahren kann, ist auch wahrlich schwer vorzustellen. Und die Menge on 30 Millionen Liter Wein schon gar nicht. Sie lagern 100 Meter unter der Erde, n einem Höhlensystem, ein paar Autominuten außerhalb der moldawischen Hauptstadt hisinau. 120 Kilometer lang, dunkel, kalt, feucht, faszinierend, ein wenig beängstigend. 500 Menschen arbeiten “unter Tage” - doch zu sehen bekommt man nur selten jemand.

An der Kreuzung der Strada “Pinot” mit der Strada “Cabernet” blinkt eine Ampel gelb, der Richtungspfeil zeigt nach links. Die Autokarawane stoppt vor einem Leuchtschild, das auf einen Fußgängerübergang hinweist. Kolossale Weinfässer stehen stumm und anmutig Spalier. Ein Mann steigt aus einem der Wagen. “Wenn sie glauben, Moldawien sei klein, dann liegen sie falsch. Schließlich hat das Land zwei Etagen.” 1952 war das Jahr, in dem alles begann. Nachdem das Kalkbergwerk ausgedient hatte, rollten Weinfässer in die gigantischen Stollen.

Aus der Ferne ertönt ein schwaches, gleichmäßiges Klirren. Tatsächlich: Ein Mensch - eine Mitarbeiterin. Die alte Frau mit Kopftuch ist umgeben von zwei Millionen Flaschen “Sparkling Wine”. Den Begriff “Champagner” dürfe man nicht verwenden, verrät der Mann, der trotz der zwölf Grad Celsius langsam auftaut. Alexander heißt er und ist zuständig für den Verkauf. Er freut sich über den seltenen Besuch von “oben”.

Tourismus kennt man in Cricova nicht. Von Montag bis Freitag wird gearbeitet, am Wochenende ist geschlossen. “Am Europäischen Markt ist die Konkurrenz für uns zu groß”, sagt Alexander. Die alte Frau mit dem Kopftuch hebt nicht einmal den Kopf. Sie hat viel zu tun. Im Schnitt jeden zweiten Tag werden die Flaschen gewendet - alle. Moldawien, das kleine, bitter arme Land zwischen Rumänien und der Ukraine ist der elfgrößte Weinproduzent der Erde. “Aber niemand weiß das”, fügt Alexander hinzu.

Das Klirren der Flaschen wird leiser, verliert sich in den Untiefen des Labyrinths. Wieder Stille. Bewacht von den riesigen Weinfässern. In Moldawien - zu Sowjet-Zeiten Korn- und Weinkammer des kommunistischen Riesenstaates – wird der Rebensaft seit Jahrtausenden vergoren. Die weitflächigen Weingärten sind sogar vom Flugzeug aus gut erkennbar.

Alexander schließt ein mächtiges Eisentor, die Autos starten ihre Motoren und bahnen sich im schnelleren Schritttempo ihren Weg durch das Reich der ewigen Finsternis. Die Fahrt dauert einige Minuten. In dieser Zeit ziehen unzählige Querstollen im fahlen, trüben Neonlicht vorüber, hie und da wartet ein Lkw auf Be- oder Entladung der flüssigen Fracht. Dann öffnen sich plötzlich die Pforten zu einem prächtigen Marmorsaal. “Präsident Putin hat hier seinen 50. Geburtstag gefeiert”, erzählt Alexander stolz. Auch Jacques Chirac sei schon da gewesen, Chinas Staatsoberhaupt Jiang Zemin ebenfalls.

Cricova ist überdies die Heimat einer sagenhaften Ansammlung alter Weine. 1,2 Millionen Flaschen der edelsten Tropfen der Welt lagern in Kammern, seitlich in den Kalk gehauen. Unter einer noblen Staubschicht finden sich etwa ein Bordeaux aus 1937, ein ungarischer Triple Sec (Jahrgang 1940), ein ukrainischer Muskateller (1961), ein portugiesischer Madera Actinson (1942), ein Cahetia aus Georgien (1956) - alle in hundertfacher Ausführung.

Unter einer Glaskuppel liegt das Herzstück: Ein “Evreiesc De Pasti”, Jerusalem, 1902. Und schon ist Alexander zur Stelle: “Es ist ein Einzelstück. 150.000 Dollar.” Dann bedankt er sich höflich für die Aufmerksamkeit seiner staunenden Zuhörerschaft. Oben, im Erdgeschoß Moldawiens, brennt die Sommersonne auf die hügelige Landschaft. Es dauert dennoch eine Weile, bis man die Hitze registriert.

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