Moldawien am Abgrund: Dritte Welt vor der EU-Haustüre
Erschreckende Armut, keine Arbeit, Menschenhandel, Massenexodus - Nach 16 Jahren Unabhängigkeit wird das kleine Land von Hoffnungslosigkeit dominiert (Von Andreas Tröscher/APA)
Chisinau (APA) - Tschisinau. Kisinau. Kischinau. Wie man den Namen der Hauptstadt von Moldawien korrekt ausspricht, wissen außerhalb von Moldawien nur wenige. Und genau damit beginnen die Probleme für das kleine Land: Kaum jemand kennt es. Dass an der neu gezogenen EU-Außengrenze im Osten Rumäniens im Grunde die Dritte Welt beginnt, liegt weit jenseits des europäischen Wahrnehmungsradius. 16 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung wird die Republik Moldova von beispielloser Armut, Hoffnungslosigkeit und wirtschaftlichem sowie politischem Stillstand dominiert.
Der monatliche Durchschnittslohn zwischen den Flüssen Prut und Dnjestr beträgt 80 Euro. Doch dieser Wert wird nur deshalb erreicht, weil ein Bruchteil der Bevölkerung deutlich mehr verdient. Der Rest muss mit wesentlich weniger auskommen. Meist mit gar nichts. Denn die geschätzte Arbeitslosigkeit liegt bei rund 70 Prozent. Ausbildungsmöglichkeiten: Null. Chancen auf einen Job: Ebenfalls null. Der Staat ist völlig hilflos, die Regierung unter Präsident Wladimir Woronin manövriert ohne Ziel zwischen Russland und EU hin und her. Einmal orientiert man sich westlich, dann wieder nach dem Osten. Das abtrünnige und international nicht anerkannte Transnistrien, ein schmaler und hermetisch abgeriegelter Landstrich an der Grenze zur Ukraine, dient punkto Entwicklung als zusätzlicher Bremsklotz.
Der Verwahrlosung der Bevölkerung sind indes Tür und Tor geöffnet. Lebensgeschichten wie zum Beispiel jene von Lidia Mihailova gibt es zuhauf: Die 40-Jährige aus dem Dorf Cimiseni lebt mit ihren drei Kindern in einem verfallenen Bauernhaus. Mit Holz aus dem Wald wird ein einziges Zimmer beheizt, in dem sich alle vier in dicke Decken hüllen. Am Ofen brodelt in einem verbeulten Topf irgendein undefinierbarer Brei. In einem finsteren Winkel dämmert der neunjährige Nikita dahin. Er ist geistig behindert, versorgt jedoch mit seiner Pension von 20 Euro indirekt die ganze Familie. Ein anderes Einkommen gibt es nicht.
Nikita’s Bruder Konstantin haben die desaströsen sozialen Verhältnisse bereits die Zukunft gekostet. Ein Beinbruch ist schlecht verheilt, Geld für eine Behandlung war nicht da, seither schleppt sich der 14-Jährige auf Krücken durchs Leben. Mutter Lidia geht ebenfalls am Stock, die linke Hand ist verkrüppelt, im Alltag unbrauchbar. Etwas verloren steht sie in der “Sommerküche”, also jenem Raum, der im Winter unbeheizt bleibt. Strom gibt es keinen, Gas auch nicht. Das Wasser aus dem Brunnen ist verseucht mit Nitraten. An der Wand hängt ein Foto vom Familienvater. Er ist vor sechs Jahren gestorben.
Wer nur irgendwie kann, der geht. Vor allem die Jungen. Von den 4,4 Millionen Einwohnern hat auf Grund von chronischer Perspektivlosigkeit bereits eine Million das Land verlassen. 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts besteht aus Überweisungen von im Ausland arbeitenden Moldawiern. Zurück bleiben alte Menschen, Kranke - und Kinder. Sie werden sich selbst überlassen, dämmern zu Zehntausenden als Sozialwaisen und Straßenkinder in Kanalschächten, in der Nähe von Heizungsrohren, in Lagerhallen und Stiegenhäusern von Plattenbauten dahin. Dort treffen sie jene Gleichaltrigen, die von daheim geflüchtet sind, weil die Eltern ihr Schicksal in Fusel ertränken.
“Die Leute sind immer noch im alten sowjetischen Denken verhaftet, geben sehr schnell auf und warten immer, dass man ihnen hilft. Hier herrscht eine große geistige Armut, es fehlt an innerer Kraft”, kennt Klaus Kniffki die moldawische Mentalität. Der schwäbische Geistliche hat in Stauceni ein Obdachlosenheim samt Suppenküche gegründet. Er bekommt es mit jenen Menschen zu tun, die selbst in so einem Land zu Verlierern abgestempelt wurden. Erfrierungen, offene Tuberkulose und Unterernährung gehören zum Alltag.
Martin Wyss hat ganz andere Probleme. Der Schweizer ist Mitglied der International Organization for Migration (IOM) und kämpft seit drei Jahren gegen den Menschenhandel. Die enorme Armut treibt vor allem Mädchen in die Hände skrupelloser Ausbeuter. Das Versprechen auf einen gut bezahlten Job als Kellnerin oder Kindermädchen entpuppt sich meist als Horrortrip.
Prostitution, Sklaverei und Gewalt münden häufig in Verzweiflungstaten. Wer in die Heimat zurückkehrt, ist meist gezeichnet fürs Leben. Psychisch und physisch. Die IOM schafft es, rund 300 Mädchen pro Jahr nach Moldawien zurückzubringen. Wie viele in dieser Zeit ins Ausland gelockt und zu so genannten Trafficking-Opfern wurden: “Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht”, gesteht Wyss ein.
Moldawien, mit 33.800 Quadratkilometern nicht einmal halb so groß wie Österreich, kommt ohne die Hilfe von NGOs und kirchlichen Initiativen längst nicht mehr aus. Allein die Caritas betreibt bzw. finanziert 19 Projekte, darunter Kinderheime, Essensverteilungen, Obdachlosenhäuser, Heimhilfen, Straßenkinderbetreuung, Ausbildungsprogramme und Trafficking-Prävention. Im Prinzip sorgt eine Hand voll unermüdlicher Menschen für ein zumindest hauchdünnes soziales Netz und glaubt weiterhin fest an den Aufbau einer Zivilgesellschaft. Übrigens: Die korrekte Aussprache von Chisinau lautet Kischinau.
Ein Kommentar zu 'Moldawien am Abgrund: Dritte Welt vor der EU-Haustüre'
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am 16. Feb. 2008
Hallo Admin, ich bin ein Student an der freiburger Universität und komme aus Moldawien, wohne und studiire seit 8 jahren in Deutschland. Ich will in Sommer zurück nach Moldavien für immer, und wollte sie fragen ob sie vileicht de Herr Martin Wyss persönlich kennen, oder sie irgendwelche Beziungen zur Moldawien haben. Vileicht brauchen sie jemand in Moldawien behiflich für ihnen sein kann.Wie ich schon geschriben habe, ich studiere in Deutschland seit 7jahren, bin selber Diplomsportlerher von beruf kann perfekt russisch,rumänisch flisend deutsch und etwas englisch.
Werde mich sehr um ihre Antwort freuen.
Mit freuindlichen Grüssen Oleg Diordiev